Die Geschichte von Jeanne d'ArcFrankreich 1428 - seit 91 Jahren herrscht Krieg zwischen Frankreich und England. Der Norden Frankreichs ist komplett in englischer Hand, das Land, vom permanenten Krieg verwüstet, liegt am Boden. Die französischen Fürsten sind zerstritten, das Herzogtum Burgund hat sich auf die englische Seite gestellt und greift offen in den Krieg mit ein. Mit der Belagerung von Orléans bereiten die Engländer nun auch die Eroberung des Südens von Frankreich vor und der in Chinon residierende, glücklose französische Thronfolger richtet sich schon auf ein Leben im schottischen Exil ein. Was war geschehen? Im Jahr 1328 stirbt mit Karl IV. der letzte König aus der Linie der Kapetinger. Philipp VI. aus dem Hause Valois tritt seine Nachfolge an. Doch Edward III., der König von England, meldet seinerseits Ansprüche auf den französischen Thron an. Da die Reichsstände diese Ansprüche nicht anerkennen kommt es zum Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich. Edward III. landet 1346 mit seiner Armee in der Normandie und schlägt bei Crécy das französische Ritterheer vernichtend. Zehn Jahre später erleidet Frankreich eine weitere bittere Niederlage dieser Art bei Poitiers. In dieser Schlacht gerät der französische König Johann II. in englische Gefangenschaft. Er wird erst 1359 wieder freigelassen, nachdem im Frieden von Brétigny ein Lösegeld von 3 Millionen Goldstücken für ihn vereinbart wurde. Unter Karl V. flammt zehn Jahre später der Krieg gegen England wieder auf. Er verbündet sich mit Kastilien und kann einige Gebiete, die Frankreich hatte abtreten müssen, wieder zurückerobern. 1375 kommt es in Brügge schließlich zum Waffenstillstand. Fünf Jahre später stirbt Karl und hinterläßt seinem noch minderjährigen Sohn ein wiedererstarktes Reich. Doch Karl VI. leidet unter einer Geisteskrankheit, die ihm auch im Erwachsenenalter das regieren unmöglich macht. So kommt es innerhalb des Adels zu einem Kampf um die Vormachtstellung innerhalb Frankreichs. Im Verlauf dieser Auseinandersetzung wird Ludwig von Orléans von Männern des Herzogs von Burgund auf offener Straße ermordet. Im Jahr 1415 landen unter Heinrich V. abermals englische Truppen in Frankreich und vernichten das französische Heer bei Azincourt. Wieder einmal haben die englischen Langbogenschützen ihre Überlegenheit gegenüber dem schwerfälligen französischen Ritterheer unter Beweis gestellt. Und es sollte noch schlimmer kommen: Im Jahr darauf erkennt Johann ohne Furcht, Herzog von Burgund, die Thronansprüche Heinrichs an und akzeptiert ihn als rechtmäßigen französischen König. Nunmehr sieht sich Frankreich praktisch einem offenen Bürgerkrieg ausgesetzt. Heinrich V. setzt seinen Eroberungsfeldzug fort und erobert 1417 die Normandie. Zwei Jahre später überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. In Paris fallen die Burgunder ein und übernehmen die Herrschaft. Der erst 16 Jahre alte Dauphie muß aus der Stadt fliehen, während sich der geisteskranke König Karl VI. und Königin Isabeau auf die Seite der Burgunder schlagen. Seinen Höhepunkt erreicht das Jahr 1419 schließlich am 10. September 1419. An jenem Tag wird der Herzog von Burgund auf der Brücke von Montereau erschlagen. Dieser Mord, der dem Dauphin angelastet wird, macht eine Aussöhnung Frankreichs mit Burgund schier unmöglich. Im Vertrag von Troyes erklärt Karl VI. schließlich seinen Sohn, den Dauphien, für illegitim und schließt ihn damit von der Thronfolge aus. Karl VI. bekommt die Zusicherung von Heinrich V., auf Lebenszeit König von Frankreich bleiben zu dürfen. Danach soll Heinrich, der mit einer Tochter Karls verheiratet ist, den französischen Thron erben. Doch beide Könige sterben zwei Jahre später innerhalb kürzester Zeit. Die Regentschaft für den erst einjährigen englischen Thronfolger übernehmen die Brüder des toten Königs: John von Bedford in Frankreich und Humphrey von Gloucester in England. Der Dauphin bleibt trotz des Vertrages von Troyes Oberhaupt der Armagnacpartei und regiert das unbesetzte Frankreich von Chinon aus. Doch am 7. Oktober 1428 scheint das Schicksal Frankreichs besiegelt. An diesem Tag begann sie - die Belagerung von Orléans... Das Mädchen aus LothringenIn jener verzweifelten Lage, in der sich das Königreich Frankreich damals befand, tritt ein junges Mädchen auf den Plan: Jeanne d'Arc. Sie fühlt sich dazu berufen ihrem Land die Freiheit zu erkämpfen, eine Aufgabe, an der die Könige Frankreichs seit nunmehr fast hundert Jahren gescheitert waren. Damals erzählte man sich in Lothringen eine Legende, wonach Frankreich durch eine Frau zugrundegerichtet und durch eine Jungfrau gerettet werde. Den ersten den sie von ihrer Mission überzeugen kann ist Durand Laxart, ein Vetter, den sie ihren Onkel nennt. Sie zieht in sein Haus nach Burey-le-Petit und begibt sich von dort zum Stadthauptmann von Vaucouleurs. Diesen ersucht sie um eine Eskorte zum Dauphin. Doch der Hauptmann, Robert de Baudricourt, lehnt ab. Er erzählt ihrem Onkel, er solle ihr ein paar hinter die Ohren geben und sie zurück zu ihren Eltern schicken. Doch Jeanne gibt nicht auf. Einige Zeit später ist sie wieder in Vaucouleurs und spricht bei Baudricourt vor. Abermals wird sie von ihm abgewiesen, doch diesmal wird der Junker Jean de Metz auf sie aufmerksam. Seine anfängliche Belustigung über das merkwürdige Mädchen im roten Kleid schwindet schnell und er verspricht ihr, sie zum König zu geleiten. Mit ihrer Hartnäckigkeit überzeugt sie bald auch die Bürger von Vaucouleurs von ihrer Mission, die ihr daraufhin Männerkleidung für die Reise kaufen. Baudricourt bleibt keine andere Wahl als ihrem Gesuch schließlich stattzugeben. Unter der Führung von Jean de Metz wird ein Eskorte aus sechs Männern gebildet, der sie zum Dauphin nach Chinon bringen soll. Um während der Reise nicht aufzufallen, läßt sich Jeanne die Haare kurz schneiden und zieht Männerkleidung an. Zusätzlich bekommt sie ein Schwert von Robert de Baudricourt, um sich bei Scharmützeln während der Reise verteidigen zu können. »Geh! Und geschehe, was geschehen soll.« gibt ihr der Hauptmann noch mit auf dem Weg, bevor Jeanne d'Arc in Richtung Frankreich aufbricht. Zur Sicherheit reitet man nur nachts, die Hufe der Pferde mit Lappen umwickelt, um eine Begegnung mit den feindlichen Burgundern zu vermeiden. Man hatte alle Mühe um die über die Ufer getretenen Flüsse zu überqueren. Doch nach elf Tagen erreicht der Trupp schließlich Chinon. Als der Dauphin Karl sie nach drei Tagen Wartezeit empfängt, sieht sich Jeanne d'Arc einer skeptischen Hofgesellschaft gegenüber. Doch in einem Gespräch unter vier Augen gewinnt sie schnell das Vertrauen des französischen Thronfolgers und überzeugt ihn mit ihrem charismatischen Auftreten, daß sie seine Truppen zum Sieg führen werde. Aber niemand weiß genau, was Jeanne ihrem Souverän in diesem Gespräch gesagt hat. Um sich gegenüber der Geistlichkeit abzusichern, wird Jeanne vom Dauphin nach Poitiers geschickt um sie von den Doktoren der dortigen Universität untersuchen zu lassen. Dort stellt man ihr allerlei Fragen zu ihren Visionen und überprüft ihre Jungfräulichkeit, denn nach damaligem Glauben konnte eine Jungfrau nicht mit dem Teufel im Bunde sein. In seinem Abschlußbericht kommt der Prüfungsausschuß zu dem Urteil, daß man nur gutes in ihr gefunden habe und man empfiehlt dem Dauphin sie nicht zurückzuweisen. OrléansDie Zeit drängt - Orléans muß dringend mit Lebensmitteln versorgt werden um eine Hungersnot zu verhindern. Jeanne d'Arc wird zunächst nach Tours gebracht wo man eine Rüstung für sie anfertigen läßt. Zwei Pagen werden für sie abgestellt und der Junker Jean d'Aulon wird zu ihrem Intendanten ernannt. Außerdem bekommt Jeanne ein mit französischen Lilien besticktes Banner. Darüber hinaus läßt sie in der Kirche Sainte-Catherine-de-Fierbois nach einem alten Kreuzfahrerschwert suchen, das die dortige Geistlichkeit auch prompt unter dem Altar findet und ihr zukommen läßt. Voll gerüstet reitet Jeanne nach Blois, wo die französische Armee zusammengezogen wird. Dort trifft sie auf die Hauptleute, unter ihnen Étienne de Vignolles, den man wegen seiner häufigen Wutausbrüche unter dem Namen La Hire kannte. Am Anfang hat Jeanne einen schweren Stand im Generalsstab. Die Kommandeure schließen sie nicht in ihre Beratungen mit ein und ignorieren ihre Befehle. Als sie merkt, daß man sie hintergangen hat, stellt sie den Bastard von Orléans - den Oberbefehlshaber der Stadt - zur Rede: »Seid Ihr der Bastard von Orléans?« »Ich bin's, und ich bin froh über Eure Ankunft.« »Seid Ihr es, der geraten hat, mich an diesem Ufer ankommen zu lassen und nicht direkt dahin zu marschieren, wo Talbot und die anderen Engländer sind?« »Ja. Ich und andere, klüger als ich, haben diesen Rat gegeben in dem Glauben der Sicherheit der Unternehmung besser dienen zu können.« »Im Namen Gottes, der Rat Gottes ist sicherer und klüger als der Eure. Ihr habt geglaubt, Ihr könntet mich täuschen. Aber ihr habt Euch selbst getäuscht, denn ich bringe Euch bessere Hilfe als je ein Hauptmann oder eine Stadt erhalten hat.« Einige der Hauptleute machen aus ihrer Abneigung gegen die neue Heerführerin keine Hehl. Der Sieur de Gamaches droht sogar mit Befehlsverweigerung, sollte das Mädchen weiterhin der Truppe angehören. Als man sie selbst dann nicht in die Beratungen mit einbezog, als der Hauptteil der Armee eingetroffen war, läßt Jeanne den Bastard von Orléans zu sich rufen. Von ihm erfährt sie, daß eine Armee unter Fastolf auf dem Weg nach Orléans wäre, um sich mit der Armee Talbots zu vereinen. »Bastard! Bastard! Im Namen Gottes, ich befehle Euch, es mich wissen zu lassen, sobald Ihr die Ankunft Fastolfs erfahrt. Wenn er durchschlüpft, ohne daß Ihr es mir berichtet, so werde ich Euch den Kopf abreißen, verlaßt Euch drauf!« Zunächst versucht Jeanne, die Goddons friedlich zum Rückzug zu bewegen, doch diese reagieren nur mit Spott und nehmen - ein eklatanter Bruch des damaligen Kriegsrechts - ihre Herolde gefangen. Der erste Angriff beginnt völlig ungeplant, als kleines Geplänkel. Jeanne d'Arc, vom Waffengeklirr aufgeschreckt, eilt an den Ort des Geschehens und stürzt sich mit ihrem Banner ins Schlachtengetümmel. Plötzlich weitet sich der Kampf aus und die französischen Soldaten erstürmen die Bastion Saint-Loup. Es ist der erste Sieg über die Engländer seit Monaten - ermöglicht hat ihn Jeanne, die Jungfrau. Die anderen Kommandeure beobachten die Eigeninitiative Jeannes mit Argwohn. Der Sieur de Gaucourt wird angewiesen die Stadttore zu bewachen und jeden weiteren Ausfallversuch Jeannes zu verhindern. Es kommt zu einer offenen Auseinandersetzung in Folge dessen die Stadttore gewaltsam geöffnet werden. Gemeinsam mit La Hire und Jean d'Aulon führt Jeanne den Angriff auf das Augustinerkloster an. Die englische Befestigung wird im Handstreich genommen. Die überlebenden Engländer flüchten sich in das stärkste und wichtigste Bollwerk: die Festung Les Tourelles. Beim Kampf um Les Tourelles wird Jeanne durch einen Pfeil verwundet. Dennoch wird die Festung erobert. Während des Rückzugs der Engländer bricht eine brennende Brücke unter dem Heerführer Glasdale zusammen. Unfähig sich aus seiner schweren Rüstung zu befreien, ertrinkt er in der Loire. Mit diesem Sieg ist der Übergang über den Fluß wieder in französischen Händen - die Belagerung gebrochen. Die englische Armee beginnt am darauffolgenden Tag mit dem Rückzug. Der Zug nach ReimsDie Befreiung von Orléans markiert die Wende im Hundertjährigen Krieg. Die scheinbar endlose Siegesserie der Engländer war endgültig gebrochen und die französischen Soldaten faßten durch die Jungfrau wieder Mut. Als nächstes großes Ziel hat Jeanne d'Arc die Krönung ihres Dauphin Karl vor Augen. Im Juni beginnt sie mit dem Loirefeldzug, der wichtige französische Städte zwischen Orléans und der Krönungsstadt Reims befreien soll. Als erstes wird Jargeau genommen. Zwei Tage dauert der Kampf um diesen Ort, in dessen Verlauf die Jungfrau dem Herzog von Alençon das Leben rettet. Beim Sturm auf Jargeau gerät der Earl of Suffolk in Gefangenschaft. Nachdem man auch Meung und Beaugency befreit hat, stößt Arthur de Richemont, der einst von Karls Berater La Trémoïlle vertrieben worden war, zur französischen Armee. Alençon droht daraufhin das Heer zu verlassen, doch Jeanne d'Arc beschwichtigt ihn und überzeugt ihn davon, daß man nur geeint die Engländer besiegen könne. Bei Patay trifft man auf die englische Hauptstreitmacht, unter dem Kommando von John Talbot. Der hat gerade damit angefangen, seine Armee zu formieren, als seine Bogenschützen beginnen auf einen sich nähernden Hirsch zu schießen. Dadurch entdeckt die schon sehr nahe französische Vorhut die englischen Stellungen. Jeanne d'Arc bemerkt schnell, daß Talbots Armee noch nicht voll kampfbereit ist und befiehlt den sofortigen Angriff. Die Schlacht entwickelt sich zu einem Gemetzel. Die englischen Linien werden förmlich überrannt. Diejenigen Soldaten, die den Ansturm überleben, geraten in Panik und ergreifen die Flucht. Lord Talbot wird gefangengenommen. »So ist das Kriegsglück!« bemerkt er lapidar, als er Jeanne d'Arc und Jean d'Alençon vorgeführt wird. Das Heer erreicht schließlich Troyes - jene unheilvolle Stadt, in der Königin Isabeau mit ihrem Gemahl Hochverrat beging und ihren Sohn enterbte. Die Ratgeber des Königs sehen sich einer schwierigen Situation ausgesetzt. Da man keine schweren Waffen mitgenommen hat, zieht man eine Belagerung nicht in Betracht. Doch mit dem Feind im Rücken kann man auch nicht einfach an der Stadt vorbei ziehen. Jeanne d'Arc läßt sich jedenfalls nicht aus der Ruhe bringen. Sie befiehlt, den Wassergraben mit Reisigbündeln aufzufüllen und bereitet mit ihren Soldaten die Erstürmung der Stadt vor. Daraufhin kapituliert Troyes und öffnet dem Dauphin die Stadttore. Am 16. Juli zieht der Dauphin kampflos in Reims ein - die Stadt hatte ihm kurz zuvor die Treue geschworen. Franzosen, die mit den Engländern kollaboriert hatten, werden von den Einwohnern aus der Stadt vertrieben - unter ihnen ein Priester namens Pierre Cauchon, der später noch eine wichtige Rolle in Jeanne d'Arcs Leben spielen wird. Schon am nächsten Tag findet das Krönungszeremoniell statt. Wie schon Chlodwig, der erste König der Franken, wird Karl VII. in der Kathedrale von Reims zum König von Frankreich gekrönt und gesalbt. Mit jenem Akt unterstreicht Karl seinen legitimen Anspruch auf den französischen Thron und zerstreut jegliche Zweifel an seiner königlichen Geburt, die seine eigene Mutter einst gesät hatte. In Reims trifft Jeanne zum ersten mal seit ihrer Abreise wieder auf ihren Vater. Er wird vom König empfangen, der ihm und allen Einwohnern von Domrémy-Greux für immer von der Abgabenpflicht befreit. Das Blatt wendet sichNichts fürchtete Jeanne d'Arc so sehr wie Verrat. Zu Recht wie die kommenden Ereignisse zeigen sollten. Nach der Krönung in Reims, sinkt Jeanne d'Arcs Einfluß bei Hof. Jeannes Gegner um Georges de la Trémoïlle und Regnault de Chartres, dem Erzbischof von Reims, überzeugen den König den diplomatischen Weg zu wählen und zunächst eine Aussöhnung mit Burgund anzustreben. Vor allem der reiche La Trémoïlle besitzt zu dieser Zeit viel Einfluß im Kronrat. Geschickt wußte er die psychischen Schwächen des Königs, der auch noch bei ihm verschuldet war, auszunutzen. Es mag befremdlich erscheinen, daß Regnault de Chartres zu Jeanne d'Arcs Gegenspielern gehörte, war er doch nur durch ihre militärischen Erfolge in der Lage seinen Bischofssitz in Reims anzutreten. Als Mann der Kirche konnte er ihr Verhalten aber nicht dauerhaft akzeptieren, denn ihre religiöse Einstellung war sehr »protestantisch«. Karl VII. geht mehrere Waffenstillstandsverträge mit Philipp dem Guten ein. Jeanne d'Arcs Plan, direkt auf Paris zu marschieren wird damit vereitelt. Als wenig später der Angriff dennoch durchgeführt wird, hatte der Gegner genug Zeit um Verstärkung heranzuführen. Der Angriff wird unter schweren Verlusten der Franzosen zurückgeschlagen. Jeanne d'Arc wird bei den Kampfhandlungen von einem Armbrustbolzen verwundet. Diese Begebenheit ist ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wie sehr es Philipp verstand seinen Vorteil aus der Schwäche seiner Gegner zu ziehen. Nach dieser Niederlage löst Karl den Hauptteil seiner Armee auf und unterbindet weitere militärische Aktionen seiner Heerführerin. Der verschlagene La Trémoïlle »beschäftigt« sie mit sinnlosen, von vornherein verlorenen, Privatfeldzügen bis sie im März 1430 - nach Ablauf des Waffenstillstands mit Burgund - auf eigene Faust den Kampf gegen die Besatzer wieder aufnimmt. Mit Jean d'Aulon führt sie eine kleine Truppe an und nimmt kampflos die Stadt Melun ein. Währenddessen wird die Stadt Compiègne vom Herzog von Burgund belagert um seinen Truppen einen Versorgungskorridor nach Paris zu sichern. Jeanne d'Arc wird durch ein Schreiben der Einwohner davon unterrichtet, und eilt der königstreuen Stadt zu Hilfe. Sie befiehlt einen Ausfall und schafft es zunächst auch, die Angreifer in die Flucht zu schlagen. Doch die Verwirrung unter den Burgundern hält nicht lange an und der Gegenangriff zwingt die französische Armee sich hinter die Mauern zurückzuziehen. Mit ihren engsten Getreuen bleibt Jeanne d'Arc als eine der letzten zurück um ihrem Männern den Rückzug zu decken. Doch bevor sie sich selbst hinter die rettenden Stadtmauern zurückziehen kann, läßt der Kommandant von Compiègne, Guillaume de Flavy, die Zugbrücke hochziehen und die Stadttore schließen. Frankreichs Heldin ist verloren. Ein burgundischer Bogenschütze zieht sie an ihrem Umhang vom Pferd und sie wird zusammen mit ihrem loyalen Intendanten Jean d'Aulon und ihrem Bruder Pierre gefangengenommen. Am Hofe Karls scheint man sich für die Geschehnisse im Norden nicht sonderlich zu interessieren. Im Gegenteil - La Trémoïlle soll sogar außer sich gewesen sein vor Freude, als ihn die Nachricht von Jeanne d'Arcs Gefangennahme ereilte und Regnault de Chartres schrieb in einem Brief an die Bewohner von Reims, daß sie ihre Gefangennahme durch ihr Verhalten selbst verschuldet hätte. Karls Einstellung ist leider uneindeutig. In den Händen der heiligen InquisitionMit der Gefangennahme der Jungfrau sehen die Engländer die einmalige Chance gekommen, den Mythos ihrer gottgewollten Mission zu zerstören. Pierre Cauchon, der Bischof von Beauvais, wird von den Engländern beauftragt die Auslieferung der Staatsfeindin zu erreichen. Er erkauft sich das Mädchen für 10.000 Franken - einer Lösegeldsumme für einen König - und bringt sie nach Rouen, wo am 9. Januar 1431 der Inquisitionsprozeß unter seinem Vorsitz beginnt. Cauchon hatte eine Vielzahl von Prälaten und Rechtsgelehrten um sich versammelt, die ihn während des Prozesses als Beisitzer unterstützen. Jene Gelehrten, die sich weigern an dem Prozeß teilzunehmen oder die offen für Jeanne Partei ergreifen werden mit Gefängnis und dem Tod bedroht. Einige fliehen aus Rouen. Jeanne d'Arc selbst hat - entgegen dem kirchlichen Recht - keinen Rechtsbeistand. Obwohl sie erst neunzehn Jahre alt ist und über keinerlei juristisches Wissen verfügt, verteidigt sie sich äußerst wortgewandt. Schon zu Beginn zeigt Jeanne sich unbeugsam und verweigert ihren Richtern den Eid. Mutig und furchtlos tritt sie im Gerichtssaal auf und scheut keine Konfrontation. »Ich sage euch, hütet eure Worte - ihr, die ihr euch meine Richter nennt.« ruft sie ihren Anklägern entgegen, als man sie unter Druck setzt. Die Richter werfen Jeanne ihre Männerkleidung und ihren kurzen Haarschnitt vor. Sie würde damit gegen die Natur ihres Geschlechts handeln, so die Argumentation. Jeanne zeigt sich davon unbeeindruckt. Als die Herzogin von Bedford ein Kleid für sie anfertigen läßt, schlägt sie sogar den Schneider, nachdem der ihre Brüste berührt hatte. Vor allem ihre selbst proklamierte Gottgesandtheit ist der Kirche ein Dorn im Auge. Der Papst erhebt den alleinigen Anspruch der Vertretung Gottes auf Erden. Darum bezichtigt man sie, mit Dämonen und bösen Mächten im Bunde zu sein. Sogar versuchter Selbstmord wird ihr vorgeworfen. Als sie aus einem Turm sprang um sich aus der burgundischen Gefangenschaft zu befreien habe sie sich umbringen wollen, so die Anklage. Als man merkt, daß ihr im Gerichtssaal nicht beizukommen ist, verlegt man die Verhöre in ihre Zelle. Eindringlich wird Jeanne d'Arc ermahnt ihre Irrtümer zu bekennen und sich dem Urteil der Kirche zu unterwerfen. Um ihren Willen zu brechen, bedrohen die Richter sie mit der Folter. Unbeeindruckt antwortet Jeanne: »Selbst wenn ihr mir sämtliche Glieder brecht und meine Seele vom Körper trennt, würde ich euch nicht mehr sagen. Und wenn ich doch etwas sagen sollte, werde ich später nur erklären daß ihr meine Aussage mit Gewalt erzwungen habt.« Erst als man sie, nach langen zermürbenden Verhören, vor einen aufgeschichteten Scheiterhaufen bringt, gibt sie dem Willen der Kirche nach. Den Tod vor Augen widerruft sie. Doch nachdem man sie zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt und zu ihren grausamen Bewachern ins Gefängnis zurückgebracht hat, bereut sie ihre kurzzeitige Schwäche. Sie zieht wieder ihre Männerkleidung an, worauf sie ein letztes mal verhört wird. Sie antwortet den Richtern, daß sie ihren Widerruf nur aus Angst vor dem Feuer unterzeichnet habe. Daraufhin notiert der Gerichtsschreiber an den Rand des Protokolls Responsio mortifera - tödliche Antwort. Zwei Tage später, am 30. Mai 1431, wird Jeanne d'Arc auf dem alten Marktplatz von Rouen geführt, auf dem der Scheiterhaufen aufgestellt wurde. »Bischof, Ich sterbe durch Euch!« ruft sie Cauchon noch zu, bevor man sie bei lebendigem Leib verbrennt. Anschließend wirft man ihre Asche in die Seine. Der Herzog von Bedford hat sein Ziel erreicht. Das kirchliche Urteil bestätigt, daß Karl durch eine Hexe auf den Thron gehoben wurde. Auch die englischen Soldaten sind erleichtert. Viele hatten eine solche Furcht vor der Macht der Jungfrau, daß sie sich weigerten nach Frankreich eingeschifft zu werden. EpilogDoch selbst mit dem Tod der Jungfrau können die Engländer die Niederlage im Hundertjährigen Krieg nicht mehr abwenden. Heinrich VI. wird zwar noch im selben Jahr in Paris zum französischen König gekrönt, doch hatte es nicht annähernd die politische Wirkung wie die Krönung Karls in Reims. Während der Zeremonie wird der Schäfer Guillaume, der von Regnault de Chartres - erfolglos - als »Nachfolger« von Jeanne d'Arc an die Spitze des Heeres gestellt wurde, in der Seine ertränkt. Zwei Jahre nach Jeannes Hinrichtung wird auf La Trémoïlle ein Attentat verübt. Er überlebt es - knapp. Doch seine Zeit am Hof ist vorbei. Karl trennt sich von seinem intriganten Berater und setzt, zusammen mit dem wieder rehabilitierten Arthur de Richemont, die militärischen Erfolge der Franzosen fort. In Arras kommt es 1435 zu einer Aussöhnung zwischen Frankreich und Burgund. Dieser Friedensschluß bedeutet für die Engländer ein Ende der burgundischen Allianz und macht ihre Niederlage auf dem Kontinent unausweichlich. Schon 1437 zieht Karl - der Siegreiche wie ihn seine Zeitgenossen nannten - in die Hauptstadt Paris ein und bis 1453 gelingt es ihm die letzten von den Engländern besetzen Gebiete zurückzuerobern. In der letzten Schlacht bei Castillon fällt der Feldherr John Talbot, der für insgesamt drei englische Könige gekämpft hatte, im hohen Alter von 80 Jahren. Der Hundertjährige Krieg ist zu Ende, Frankreich frei und geeint. 1450 wird der Inquisitionsprozeß gegen Jeanne d'Arc auf Antrag ihrer Mutter wieder neu aufgerollt. Er dauert sechs Jahre und endet mit der Rehabilitation der französischen Heldin. Aber wie auch schon der erste Prozeß, ist dieses Verfahren vor allem politisch motiviert. Karl will beweisen, daß er seine Regentschaft keiner Hexe zu verdanken hatte. Daß sich die Kirche gerne zum Handlanger der Politik machen läßt, zeigt auch die Heiligsprechung von Jeanne d'Arc im Jahr 1920. Sie geschieht nur kurz bevor das französische Parlament die Einführung eines Nationalfeiertages zu ihrem Andenken beschloß, denn zu jener Zeit hatte der Vatikan ein reges Interesse an einer Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zu Frankreich. |
Bidl von JeanneD`Arc
